1 (edited by iDESkmu 2021-10-26 13:13:11)

Topic: Barrierefreiheit von SessionLink

Barrierefreiheit von SessionLink

SessionLink ist eine browserbasierte Anwendung, mit der über das Internet professionelle Audioaufnahmen durchgeführt werden. Wenn man sich z. B. als Redakteurin oder Redakteur beim Rundfunk gerade im Homeoffice befindet und ein Interview durchführen möchte, das aufgenommen werden muss, kann man sich viel Reisezeit sparen und trotzdem einen professionellen Beitrag aufnehmen. Das Tonstudio, das iDESkmu für die Audio-Aufzeichnungen unserer Podcast-Reihe KLARTEXT - FÜR IT OHNE BARRIEREN unterstützt hat, verwendet für solche ortsunabhängigen Aufzeichnungen SessionLink. Unsere Interview-Partnerinnen und -Partner waren dabei im gesamten Bundesgebiet verstreut.


Es soll in diesem Beitrag nicht darum gehen, Werbung für Sessionlink zu machen. Vielmehr soll am Beispiel dieser Software gezeigt werden, dass wir in manchen Bereichen von der Barrierefreiheit noch weit entfernt sind und dass es sich lohnt, auch bei Nischen-Produkten auf die Zugänglichkeit zu achten.


Die Anwendung muss nicht installiert werden. Sie benötigt nur einen Browser. Empfohlen wird hier der Browser Chrome. Sobald man die URL, die einem vom Studio per E-Mail zugeschickt bekommt, aufruft, erhält man erst einmal die Anfrage des Browsers, ob man dem Browser Zugriff auf das Mikrofon gewähren möchte. Das hat mit der Software erst einmal nichts zu tun und muss bejaht werden, um das Programm nutzen zu können.


Interessanterweise konnten bei unseren Interview-Partnerinnen und -Partnern, unabhängig von Art und Grad einer eventuellen Behinderung, die ganz offenkundigen Barrieren die gute Stimmung nicht trüben. Es ist hier wie so oft im Arbeitsalltag: wenn es nicht barrierefrei ist, gibt es trotzdem einen Weg.


Gleich danach wird es interessant:


Nach Aufruf des Links erscheint zunächst ein Overlay, das nicht fokussiert ist. Wenn man aber einmal vor und einmal zurück tabbt, kommt man auf den OK-Button. Diesen muss man betätigen. Für Menschen, die gut sehen und die Maus nutzen, also auch der Großteil der Menschen mit Sehbehinderung, dürfte die Bewältigung dieser Hürde kein Problem sein. Für blinde Menschen, die auf die ausschließliche Nutzung der Tastatur angewiesen sind, beginnt bereits hier ein Tappen im Dunkeln. Interessanterweise stellte dies für diejenigen unserer Interviewpartner, die auf die Nutzung von Blindenhilfsmitteln angewiesen sind, kein Problem dar. Die Suche nach der virtuellen Stecknadel im Heuhaufen gehört auch im Jahr 2021 zum Alltag.


Zugriff auf das Mikrofon gewähren


Danach muss der eigene Name eingegeben werden, damit das Tonstudio am anderen Ende der Leitung weiß, wen es wie ansprechen soll. Das gibt der Screenreader aus. Unerwartet einfach nach der ersten Hürde. Einfach eingeben und ENTER drücken. Dann kann es fast losgehen.

Übrigens: die Anwendung gibt es nur englischsprachig. Wer des Englischen nicht mächtig ist, braucht Unterstützung. Auch eine Barriere, die vermeidbar wäre. Zumal in Anbetracht des Funktionsumfangs der Anwendung eine Lokalisierung der Oberfläche vermutlich schnell erledigt wäre.


Start Oberfläche


Die jetzt unter dem eigenebenem Namen kommende Schaltfläche "Start" wird vom Screenreader ausgegeben. Also einfach einmal ENTER drücken und schauen, was passiert.


Danach kommt man zum Bedienfenster. Hier haben wir einen "Trick" gefunden. Sobald das Bedienfenster von Sessionlink sichtbar ist, gibt es da einen Button, der "Record" heißt. Wenn man sich in der Adresszeile befindet die mit STRG+L direkt angesprungen werden kann  und man danach viermal TAB drückt, gelangt man genau zu diesem Button. Aktiviert man diesen Button, geht ein neuer Dialog auf, der aber nicht den Fokus erhält. Also schon wieder Desorientierung.


Das Handling modaler Fenster ist nicht nur in SessionLink ein Problem, sondern auch in vielen Web-Anwendungen, die von sich behaupten, barrierefrei zu sein. Wenn man bei aktiven modalen Fenstern (auch Lightbox genannt) durch mehrmaliges Drücken der Tab-Taste "hinter" das modale Fenster springen kann, dann ist das eine Barriere, die zu Orientierungsproblemen führen kann.


Soviel zur Erläuterung. Nun muss man jedenfalls die Überschrift "Recording" suchen, was mit UMSCHALT+H gut funktioniert (Überschriften können zur Strukturierung dienen, hier war das leider nur reine Glückssache) danach dreimal tabben, um auf die Schaltfläche "Start Recording" zu kommen, und schon kann es losgehen. Durchaus verwirrend.


Um die Aufnahme zu beenden, kann man dann wieder STRG+L drücken, um in die Adresszeile zu gelangen, danach tabben, bis man auf "Stop" kommt. Einmal ENTER drücken und die Aufnahme stoppt.


Aber aus der Not entstehen manchmal auch gute Ideen. Es geht nämlich auch einfacher: bei aktiviertem Screenreader mit Taste H zur Überschrift "Recording" springen, danach dreimal tabben, um zum Button "Start Recording" zu kommen. Diesen Button betätigen und die Aufnahme startet. Dann wieder mit der Taste H zur Überschrift "Recording" springen, dreimal tabben und dann wieder "Start Recording" betätigen und die Aufnahme stoppt.


Zwei Barrieren treten hier zutage: erstens bleibt der Fokus beim Starten der Aufnahme nicht auf dem Element, mit dem die Funktion ausgelöst wurde, zweitens stimmt die Bezeichnung des Buttons zum Stoppen der Aufnahme bei dieser Vorgehensweise nicht.


So zeigen sich in SessionLink Barrieren, die wir auch aus anderen Anwendungen, vor allem aus unseren DMS-Tests, kennen:
•    keine klare Gliederung in Bereiche
•    keine klare Überschriften-Struktur
•    modale Fenster, die den Tastaturfokus verlieren
•    unzureichende Tastaturbedienbarkeit
•    fehlende oder falsche Alternativtexte
•    keine nachvollziehbare Reihenfolge bei der Tastaturbedienung


Die gute Nachricht ist: das sind alles Barrieren, die sich vermutlich mit vertretbarem Aufwand reparieren ließen. Die schlechte Nachricht ist: es passiert leider so selten oder nur dann, wenn man muss. Es gibt noch viel zu tun in Accessibilityland.


Detlef Girke,
externer Experte iDESkmu


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